Was ein Bewerbungsprozess ist
Der Bewerbungsprozess ist die Strecke, die ein Bewerber und ein Betrieb gemeinsam zurücklegen, von der Anzeige für eine Stelle bis zum ersten Arbeitstag. Gestaltet wird sie vom Betrieb: Formular, Rückruf und Vertragstempo sind seine Entscheidung. Der Bewerber läuft sie nur ab, erwartet auf jeder Stufe etwas Bestimmtes und geht, wenn er es nicht bekommt, meistens ohne ein Wort.
Die sechs Stufen und was auf jeder passieren muss
Anzeige finden: Der Bewerber will in drei Zeilen lesen, was die Stelle bringt, wo sie ist und was sie zahlt; der Betrieb muss die Anzeige dorthin bringen, wo Facharbeiter in der Pause hinschauen, mit genau diesen Informationen.
Bewerbung abgeben: Der Bewerber will in zwei Minuten am Handy fertig sein; der Betrieb braucht ein Kurzformular mit vier bis sechs Fragen und ohne Pflichtfeld für Unterlagen, wie unter Mobile Recruiting beschrieben.
Vorauswahl und Rückmeldung: Der Bewerber will noch am selben Tag hören, ob es weitergeht; der Betrieb muss jede Bewerbung sofort prüfen (Ausbildung, Wohnort, Schicht, Führerschein) und dann anrufen statt mailen (siehe Vorqualifizierung).
Interview: Der Bewerber will die Werkstatt und die Leute sehen, mit denen er arbeiten würde; der Betrieb muss binnen einer Woche einen Termin anbieten und am Ende sagen, wann er entscheidet.
Zusage und Vertrag: Der Bewerber will innerhalb von zwei Tagen ein Angebot ohne Abweichung vom Besprochenen; der Betrieb muss den Vertragsentwurf schon vor dem Interview fertig haben.
Erster Tag: Der Bewerber will merken, dass jemand mit ihm gerechnet hat; der Betrieb muss in der Woche vor dem Start anrufen und am ersten Morgen Spind, Werkzeug und einen Kollegen bereithalten, der ihn mitnimmt.
Wie lange ein Bewerbungsprozess dauert
Ratgeber für Bewerber rechnen in Wochen. Für einen Facharbeiter gilt eine andere Uhr, weil er selten nur eine Bewerbung laufen hat. Von der Anzeige bis zur Bewerbung vergehen Minuten. Bis zur Rückmeldung darf es ein Tag sein, besser derselbe. Bis zum Interview eine Woche, bis zur Zusage zwei Tage, zusammen zwei Wochen bis zur Unterschrift. Nur die letzte Stufe bis zum ersten Tag bestimmt die Kündigungsfrist beim alten Arbeitgeber, meist vier Wochen bis drei Monate, und die kann kein Betrieb verkürzen.
Wer auf einer der mittleren Stufen eine Woche verstreichen lässt, hat einen Facharbeiter mit zwei parallelen Bewerbungen bis dahin an den anderen Betrieb verloren, ohne Absage: Er meldet sich einfach nicht mehr.
Bewerbungsprozess, Recruiting Prozess und Candidate Experience
Der Recruiting Prozess ist die Sicht des Betriebs auf das Ganze: Er beginnt beim Bedarf, umfasst Stellenprofil, Budget und Kanalwahl und endet mit der Einstellung. Der Bewerbungsprozess ist der Teil davon, den der Bewerber zu sehen bekommt, ab der Anzeige. Die Candidate Experience beschreibt, wie sich dieser Teil für ihn anfühlt.
Was in den Ratgebern nicht steht
Die Ratgeber zu diesem Begriff erklären, wie ein Anschreiben aufgebaut ist, welche Unterlagen in die Mappe gehören und wann man nachfasst. Im Handwerk schreibt kein Anlagenmechaniker ein Anschreiben, und er fasst auch nicht nach. Er bewirbt sich beim nächsten Betrieb. Lebenslauf und Zeugnisse schickt er nach dem ersten Telefonat per Nachricht, wenn er weiß, dass es sich lohnt.
Die Betriebe, deren Bewerbungsprozess wir uns ansehen, verlieren die meisten Leute nicht im Interview. Sie verlieren sie am Formular, das einen Lebenslauf verlangt, und an der Rückmeldung, die nicht kommt, weil das Postfach erst abends gelesen wird. Auf der 977 Werkbank gehören Formular, Rückmeldung und Terminierung deshalb zum Bewerberfluss: Der Betrieb bekommt nur noch den Interviewtermin mit jemandem, der Ort, Schicht und Führerschein am Telefon bestätigt hat.
Ein Beispiel mit offenen Annahmen
Ein SHK Betrieb mit 40 Leuten sucht einen Anlagenmechaniker. Annahmen: Anzeige auf Facebook und Instagram im Umkreis von 30 Kilometern, ein Kurzformular, ein Meister, der zurückruft. Dienstag geht die Anzeige live, Mittwoch in der Frühstückspause füllt ein Monteur das Formular aus, um 16 Uhr klärt ein Anruf von acht Minuten Wohnort, Schicht und Führerschein. Donnerstag steht der Termin für Montag, Montag Interview in der Werkstatt, Dienstag hat er das Angebot, Mittwoch unterschreibt er. Acht Tage bis zur Unterschrift. Zwei Annahmen tragen das Ganze: Der Meister ruft am selben Tag zurück, und der Vertrag liegt fertig, bevor das Interview stattfindet.
Die Dauer je Stufe misst die Time to Hire; weitere Begriffe erklärt das Glossar.