Wie groß die Lücke im Handwerk ist
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks zählte Ende 2025 rund 1,04 Millionen Handwerksbetriebe mit gut 6,2 Millionen Beschäftigten. Nach Berechnungen des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) fehlten 2025 gut 97.000 Handwerkerinnen und Handwerker; rechnerisch konnte fast jede zweite offene Stelle in Handwerksberufen nicht besetzt werden. Am stärksten betroffen sind Bauelektrik, Sanitär, Heizung und Klima sowie Kraftfahrzeugtechnik. Dazu kommt das Alter: Laut KOFA ist etwa jeder vierte Beschäftigte 55 oder älter, unter den Meistern jeder dritte.
Die Bundesagentur für Arbeit sieht in ihrer Fachkräfteengpassanalyse 2025 die Engpässe vor allem in Pflege, medizinischen Berufen sowie Bau- und Handwerksberufen. Woher der Mangel kommt, steht im Ratgeber Fachkräftemangel im Handwerk. Hier geht es darum, was ein Betrieb daraus macht.
Ein Punkt fehlt in den meisten Übersichten: Der Wettbewerber um Ihren Elektroniker oder Mechaniker ist oft nicht der Handwerksbetrieb im Nachbarort, sondern das Werk im Gewerbegebiet mit fester Schicht, Zulagen und geheizter Halle. Wer das weiß, schreibt in die Anzeige, was das Werk nicht bieten kann: wechselnde Aufgaben, sichtbare Arbeit, kurze Wege zum Chef.
Warum Stellenanzeigen im Handwerk selten reichen
Jobbörsen, die Stellenbörse der Arbeitsagentur, die Zeitung und die Aufschrift am Firmenwagen erreichen die, die gerade suchen. Das sind im Handwerk wenige, weil ein guter Geselle Arbeit hat. Er wechselt, wenn ihn ein konkret besseres Angebot erreicht, und er liest es auf dem Handy in der Frühstückspause, nicht abends am Rechner.
Die meisten Anzeigen scheitern dann zweimal. Sie klingen wie alle anderen ("abwechslungsreiche Tätigkeit, leistungsgerechte Vergütung") und lassen offen, was der Geselle wissen will. Und sie verlangen Lebenslauf und Anschreiben, die nach zehn Stunden auf der Baustelle niemand mehr schreibt. Eine Agentur mit Fotoshooting ändert daran wenig, wenn die Anzeige danach dieselben Lücken hat.
Was Handwerksbetriebe selbst tun können
Sieben Dinge, die wenig oder nichts kosten.
Die Stelle beschreiben, wie ein Geselle sie liest. Einsatzgebiet in Kilometern, Baustelle oder Werkstatt, Firmenwagen ab Haustür oder ab Betrieb, Montage mit Übernachtung oder nicht, Notdienst und was er bringt, Lohnspanne. Was fehlt, ergänzt der Leser, und zwar zu Ihren Ungunsten.
Dort ansprechen, wo die Leute sind. Anzeigen in sozialen Netzen wie Instagram und Facebook, im Umkreis ausgespielt, mit einem Kurzformular ohne Lebenslauf.
Am selben Tag zurückrufen. Wer sich meldet, hat einen Job und muss nicht warten. Nach drei Tagen weiß er oft nicht mehr, bei wem er sich beworben hat.
Die eigenen Leute fragen. Jeder Geselle kennt Kollegen aus Berufsschule, Verein und Baustelle. Eine feste Prämie und eine schnelle Rückmeldung genügen meist.
Breiter suchen. Ältere Gesellen, die weniger Montage wollen, Frauen im Gewerk, Quereinsteiger für Helferstellen mit Weg zum Gesellenbrief, Fachkräfte mit ausländischem Abschluss. Für dessen Anerkennung in Handwerksberufen sind die Handwerkskammern zuständig.
Bewertungen im Blick behalten. Wer wechseln will, liest, was Mitarbeiter über den Betrieb schreiben. Eine sachliche Antwort auf eine schlechte Bewertung wirkt besser als Schweigen.
Selbst ausbilden. Wer heute keinen Azubi findet, hat in drei Jahren keinen Gesellen. Praktika und Schulbesuche gehören dazu, auch wenn sie erst spät wirken.
Wie es auf der 977 Werkbank läuft
Ihre Stelle kommt auf die 977 Werkbank und durchläuft vier Arbeitsgänge: Stelle und Markt, Ansprache und Kampagne, Bewerberfluss mit Vorqualifizierung, laufendes Nachschärfen. Jede Bewerbung bekommt am Eingangstag einen Anruf, der Gesellenbrief, Führerschein, Wohnort und Starttermin klärt. Sie führen nur die Interviews mit denen, die passen.
Sie liefern keine Fotos, kein Video und sitzen in keinem Workshop: höchstens 90 Minuten Geschäftsführung in acht Wochen, kein Agenturtheater. Bezahlt werden einmaliges Aufsetzen, monatliche Betreuung und Werbebudget, und Sie entscheiden Monat für Monat, ob es weiterläuft. Den Rahmen für Ihre Stelle zeigt der Kostenrahmen in zwei Minuten.
Zwei Fälle aus dem Handwerk
Ein Dachdeckerbetrieb im Rhein Main Gebiet mit 35 Beschäftigten bekam jahrelang keine Dachdecker. Nach dem Start kamen die ersten Bewerbungen am Tag der Schaltung, im ersten Monat wurden zwei Dachdecker eingestellt, nach sechs Monaten waren es 18 Einstellungen in neun Positionen: Dachdecker, Rhein Main.
Ein Elektrobetrieb in Norddeutschland hatte zuvor 20.000 Euro bei einem großen Anbieter ausgegeben, ohne dass die zugesagte Garantie eingelöst wurde. Zurück bei 977 waren fünf Stellen in zwei Monaten besetzt: Elektro, Norddeutschland.
Die drei Handwerksgruppen
Energie und Gebäudetechnik. SHK, Elektro und Solar: Anlagenmechaniker, Elektroniker, Kundendienstmonteure, oft mit Notdienst. Mehr dazu unter SHK und Elektro.
Bau und Ausbau. Dachdecker, Maurer, Zimmerer, Trockenbauer, Maler. Hier entscheidet die Saison, gesucht wird im Winter. Mehr unter Fachkräftemangel am Bau.
Metall und Holz. Metallbauer, Feinwerkmechaniker, Tischler und Schreiner, näher an der Werkstatt als an der Baustelle. Wer in Serie fertigt, findet mehr unter Metallverarbeitung.
Nachbarn: Haustechnik und Objektleitung unter Technische Dienstleistung, Erzeugung, Speicher und Batterieproduktion unter Energie. Seiten zu einzelnen Handwerksberufen folgen.