Wie groß der Fachkräftemangel im Handwerk ist
Das Handwerk in Deutschland hat rund eine Million Betriebe mit etwa 5,6 Millionen Beschäftigten (Zentralverband des Deutschen Handwerks, Kennzahlen 2024). Der Zentralverband beziffert die Lücke seit Jahren auf eine sechsstellige Zahl offener Stellen, die nicht besetzt werden können, mit Schwerpunkt in Bau, Elektro, Sanitär Heizung Klima und Metall; die Bundesagentur für Arbeit führt Elektriker, Anlagenmechaniker, Klempner und Kraftfahrzeugtechniker in ihrer Engpassanalyse als Engpassberufe, in denen auf eine gemeldete Stelle deutlich weniger Arbeitslose kommen als im Durchschnitt.
Was die Zahlen nicht zeigen: Der Mangel ist ungleich verteilt. In jedem Landkreis gibt es Betriebe, die seit Jahren keine Bewerbung bekommen, und drei Straßen weiter einen, der auswählen kann. Der Unterschied liegt selten am Gewerk.
Warum keiner mehr im Handwerk arbeiten will: die Ursachen
Demografie: Die Jahrgänge, die jetzt in Rente gehen, sind größer als die, die nachkommen. Das trifft das Handwerk stärker als andere Branchen, weil dort der Anteil der über 55-Jährigen hoch ist und weil körperliche Arbeit früher endet.
Ausbildung: Ein wachsender Teil eines Jahrgangs geht ins Studium. Handwerksbetriebe melden jedes Jahr Ausbildungsstellen, die unbesetzt bleiben; laut Zentralverband blieben zuletzt Zehntausende Lehrstellen offen. Wer keine Auszubildenden findet, hat in vier Jahren keine Gesellen.
Der Wettbewerb um dieselben Leute: Ein Elektriker kann als Elektriker im Handwerk, als Betriebselektriker in der Industrie oder als Servicetechniker beim Hersteller arbeiten. Die Industrie bietet oft feste Schichten, Zulagen und eine Halle mit Heizung. Das Handwerk bietet Abwechslung, Kundenkontakt und kurze Wege zum Chef. Beides sind Argumente, aber nur eines davon steht in der Stellenanzeige des Handwerksbetriebs, wenn überhaupt.
Das Bild vom Handwerk: Eltern und Lehrer raten selten zur Lehre. Was ein Geselle mit Meisterbrief verdient und welche Verantwortung er trägt, wissen viele Schulabgänger nicht. Das ist kein Problem, das ein einzelner Betrieb lösen kann; sichtbar machen, was bei ihm gilt, kann er aber.
Die Sichtbarkeit: Der Grund, der in keiner Studie steht und in jedem Betrieb: Die guten Fachkräfte suchen nicht. Sie haben einen Job. Sie wechseln, wenn sie ein besseres Angebot sehen, und sie sehen es nicht, weil der Betrieb, der es hat, nur in der Stellenbörse steht, die sie nie öffnen.
Was der Mangel den Betrieb kostet
Verschobene Aufträge, abgelehnte Aufträge, Überstunden bei denen, die da sind, und irgendwann der Nächste, der geht, weil er die Überstunden nicht mehr will. Ein Handwerksbetrieb mit zwei fehlenden Gesellen verliert in einem Jahr leicht den Umsatz, den die beiden erwirtschaftet hätten, und dazu die Kunden, die nicht warten wollten. Deshalb ist Fachkräftegewinnung im Handwerk keine Personalfrage, sondern eine Umsatzfrage.
Was ein Betrieb selbst tun kann
Der Markt lässt sich nicht ändern. Fünf Dinge lassen sich ändern.
1. Die Bedingungen ehrlich prüfen. Gehalt im Vergleich zur Industrie in der Region, Arbeitszeit, Fahrzeug, Werkzeug, Wochenenden. Was hier 30 Prozent unter Markt liegt, kann keine Anzeige heilen.
2. Das Angebot aussprechen. Was bei Ihnen anders ist als drei Straßen weiter, in drei Sätzen, ohne Stellenanzeigendeutsch. Wie das entsteht, steht im Ratgeber zur Arbeitgebermarke.
3. Dorthin gehen, wo die Leute sind. Nicht in die Stellenbörse, sondern in die sozialen Netze, mit einer Anzeige, die den Betrieb zeigt, und einem Formular für zwei Minuten am Handy. Der Ratgeber zu Social Recruiting erklärt den Ablauf.
4. Die eigenen Leute fragen. Jeder Geselle kennt zehn andere. Ein einfaches Programm mit fester Prämie und schneller Rückmeldung steht unter Mitarbeiter werben Mitarbeiter.
5. Am selben Tag anrufen. Wer sich meldet, hat einen Job und wartet nicht. Eine Rückmeldung, die drei Tage liegt, ist keine mehr. Wie der Weg von der Bewerbung bis zum Interview als Ganzes läuft, steht im Eintrag zum Recruiting Funnel.
Diese fünf Dinge sind das, was ein Betrieb tun kann, ohne auf Politik, Kammer oder Zuwanderung zu warten. Sie sind auch das, was die Betriebe getan haben, die unter Ergebnisse stehen.
Ein Fall aus dem Handwerk
Ein Dachdeckerbetrieb im Rhein Main Gebiet, zweite Generation, 35 Beschäftigte, hatte über Jahre alles probiert: Zeitung, Portale, Mitarbeiterwerbung, Ausbildungsmessen. Ergebnis: keine Dachdecker. Der Betrieb war gut, bezahlte fair und war unsichtbar. Nach einem Telefonat lief eine Anzeige in sozialen Netzen, die die Halle, die Fahrzeuge und die Leute zeigte; die ersten Bewerbungen kamen am Tag der Schaltung, im ersten Monat wurden zwei Dachdecker eingestellt, nach sechs Monaten waren 18 Stellen besetzt, verteilt auf neun Positionen. Der Fall steht unter Dachdecker, Rhein Main.
Der Fachkräftemangel im Rhein Main Gebiet hat sich in diesen sechs Monaten nicht geändert. Geändert hat sich, dass die Dachdecker, die es gibt, den Betrieb gesehen haben.
Für welche Gewerke das gilt
Für alle, in denen die Stelle in der Region mehrfach vorkommt: SHK, Elektro, Dach, Metallbau, Kfz, Gebäudereinigung, technischer Service. Was je Gewerk anders ist, welche Stellen wir kennen und wie die Lage dort aussieht, steht unter Für wen. Für Ausbildungsstellen gilt das Prinzip ebenso, nur läuft die Ansprache dort über andere Kanäle und in einer anderen Sprache.
Was der Markt dazu zeigt
In der Messung vom 22.09.2026 stehen zum Begriff "fachkräftemangel handwerk" drei vergleichbare Seiten auf der ersten Suchergebnisseite, dazu zwei Behördenseiten, eine Nachrichtenseite und vier nicht zuordenbare, mit KI Übersicht. Die vergleichbaren erklären Zahlen, Ursachen und Maßnahmen auf Ebene der Politik: Ausbildung attraktiver machen, Ältere halten, Frauen gewinnen, Zuwanderung steuern. Keine sagt einem einzelnen Betrieb, was er nächste Woche tun kann. Das steht hier. Die anderen Themen stehen im Ratgeber.
Wie das für Dachdecker und Baubetriebe konkret aussieht, zeigt die Seite Fachkräftemangel am Bau.