Wie groß ist der Fachkräftemangel in der Chemie?
Groß, aber ungleich verteilt. Laut Fachkräftecheck Chemie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA-Studie 2/2025) blieben 2024 in den Berufen, die für die chemisch-pharmazeutische Industrie wichtig sind, gut 71.000 offene Stellen rechnerisch unbesetzbar, über alle Branchen gezählt. Die Branche selbst beschäftigt mehr als 857.000 Menschen in gut 2.100 Unternehmen.
Am stärksten betroffen ist Technik und Instandhaltung. In Chemieunternehmen fehlten dort 2024 rund 2.050 Fachkräfte, neun von zehn davon mit abgeschlossener Ausbildung, vor allem in der Maschinenbau- und Betriebstechnik und der Mechatronik. In der Produktion blieb bei Chemikanten und Pharmakanten jede vierte offene Stelle unbesetzbar. Forschung und Labor dagegen haben kaum Engpässe.
Die schwache Konjunktur hat die Lage etwas entspannt: Von 2022 bis 2024 sank die Zahl offener Stellen in diesen Berufen um 6,5 Prozent. Nur in Technik und Instandhaltung stieg sie weiter, um 15,6 Prozent. Und etwa jeder vierte Beschäftigte geht in den nächsten zehn Jahren in Rente (alle Werte KOFA 2025).
Warum Stellenanzeigen in der Chemie wenig bringen
Weil die Leute, die Sie brauchen, beim Nachbarn arbeiten. Von den 483 rechnerisch unbesetzbaren Stellen für Chemikanten und Pharmakanten schrieben Chemieunternehmen selbst 336 aus (KOFA 2025). Der Beruf wird fast nur in der Chemie gebraucht und ausgebildet, Abwerben aus anderen Branchen geht kaum. Wer wechseln soll, steht heute in Wechselschicht an einer anderen Anlage und blättert abends keine Portale durch.
Bei Maschinen- und Anlagenführern zeigt die Statistik sogar gar keinen Engpass: 13.759 offene Stellen, rechnerisch alle besetzbar. Wer trotzdem lange sucht, hat also kein Mengenproblem. Leute gibt es, nur nicht auf Ihre Anzeige und nicht für Ihren Schichtplan. Gerade Reinigungsmittelhersteller, deren Mischen und Abfüllen näher an Lebensmittel- und Kosmetikproduktion liegt als an einer Großanlage, finden ihre Anlagenführer oft außerhalb der Chemie.
Was Sie als Betrieb selbst tun können
- Schicht und Geld offen nennen: Der Chemietarif kennt 13 Entgeltgruppen, ausgebildete Chemikanten starten meist in E6 (Chemieverbände Rheinland-Pfalz 2026). Wer Gruppe, Zuschläge und Rhythmus nennt, beantwortet die erste Frage, bevor sie gestellt wird.
- Nach Können suchen, nicht nach Abschluss: Das KOFA nennt als Beispiel Bäcker, die in der Pharmaindustrie arbeiten, weil sie strenge Hygieneregeln gewohnt sind. Für Chemikanten gibt es sieben Teilqualifikationen des Bundesinstituts für Berufsbildung.
- Halten, wer da ist: Jeder erfahrene Anlagenfahrer, der bis zur Rente bleibt, muss nicht gesucht werden. Ältere binden ist in der Chemie Recruiting mit anderen Mitteln.
- Am selben Tag anrufen: Wer nach der Nachtschicht zwei Minuten am Handy hatte, wartet keine Woche auf eine Eingangsbestätigung.
Internationale Fachkräfte sind ein Weg für die lange Frist; ihr Anteil liegt in der Branche mit 10,1 Prozent unter dem Bundesschnitt (KOFA 2025).
Wie es auf der 977 Werkbank läuft
Ihre Stelle kommt auf die 977 Werkbank. Zuerst klären wir, was die Schicht an Ihrer Anlage wirklich verlangt und was Werke im Umkreis zahlen. Dann folgt die Recruiting Kampagne am Handy, dort, wo Anlagenfahrer nach Feierabend ohnehin scrollen. Jeder Bewerber bekommt am selben Tag ein Telefonat zu Schicht, Arbeitsweg und Qualifikation. Nachgeschärft wird laufend, nach dem, was in diesen Telefonaten rauskommt.
Sie führen die Interviews, sonst nichts: keine Fotos, kein Workshop, kein Agenturtheater. Was das ungefähr kostet, zeigt der Kostenrahmen.
Ein Fall aus der Chemie
Ein Chemiebetrieb in Süddeutschland mit 80 Beschäftigten hatte Zeitung, Portale, Mitarbeiter werben Mitarbeiter und Ausbildungsmessen hinter sich. Nach zwei Monaten unterschrieb der erste Servicetechniker, danach kamen Chemikanten, ein Chemiemeister und Laborfachkräfte dazu, über 18 Monate 22 Einstellungen quer durchs Haus. Die Anzeige, die trug, sprach über den Arbeitsalltag, nicht über Gehaltsversprechen.
Ein zweiter Fall läuft bei einem Reinigungsmittelhersteller, gesucht wurden Maschinenführer für die Produktion. Die Fallseite folgt, sobald die Zahlen freigegeben sind.
Welche Stellen wir in der Chemie besetzen
Neben Chemikanten vor allem Maschinen- und Anlagenführer für Produktion und Abfüllung, dazu die Instandhaltung: Industriemechaniker, Elektroniker für Betriebstechnik und Mechatroniker.
Die Chemie gehört zu Produktion und Fertigung. Nah dran liegen die Metallverarbeitung, die Kunststoffverarbeitung und Hersteller von Pulver- und Schüttguttechnik.