Welche Branchen den größten Fachkräftemangel haben
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat im November 2025 zum ersten Mal ausgerechnet, wie sich der Fachkräftemangel auf die Branchen verteilt. Gezählt wird die Fachkräftelücke: offene Stellen, für die es bundesweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen gab. Das Ergebnis für den Jahresdurchschnitt 2024:
| Branche |
Offene Stellen |
Fachkräftelücke |
| Gesundheitswesen |
87.792 |
46.138 |
| Ausbaugewerbe und Bauinstallation |
88.458 |
41.293 |
| Öffentliche Verwaltung |
78.123 |
37.639 |
| Einzelhandel |
100.263 |
26.929 |
| Sozialwesen |
48.047 |
26.426 |
| Herstellung von Metallerzeugnissen |
40.979 |
18.480 |
| Kfz Handel und Werkstätten |
38.255 |
17.957 |
| Maschinenbau |
35.251 |
16.764 |
| Heime |
26.930 |
16.430 |
| Rechts- und Steuerberatung |
29.586 |
13.965 |
Zusammen sind das gut 262.000 Stellen, die rechnerisch niemand besetzen konnte. Pflege und Soziales führen die Liste an, aber drei Zeilen gehören dem technischen Mittelstand: Metallerzeugnisse, Maschinenbau und das Ausbaugewerbe, in dem Elektro und SHK zu Hause sind.
Industrie, Produktion und Energie: wo es dort fehlt
In der Herstellung von Metallerzeugnissen fehlten 2024 knapp 18.500 Fachkräfte, im Maschinenbau knapp 16.800. Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) für 2025 zeigt, welche Berufe dahinter stehen: Berufe im Metallbau gelten auf Ebene der Fachkräfte als Engpassberuf, auf Ebene der Meister und Techniker die Elektrotechnik und die technischen Servicekräfte für Wartung und Instandhaltung. Was das für Werke mit Schichtbetrieb heißt, steht unter Recruiting in Produktion und Fertigung, für Hersteller und Zulieferer unter Fachkräfte für Maschinen- und Anlagenbau.
Der Trend zeigt nach oben. Im Fachkräftereport des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) für März 2026 stehen Schweiß- und Verbindungstechnik, spanende Metallbearbeitung, Metallbau sowie Maschinenbau- und Betriebstechnik unter den Berufen, in denen die Lücke am stärksten gewachsen ist. Das IW verbindet das mit dem Sondervermögen für Verteidigung und Infrastruktur und mit dem ökologischen Umbau der Wirtschaft, und das mitten in einer Phase, in der die Metall- und Elektroindustrie insgesamt unter Druck steht.
Ein Punkt steht nur im Methodenteil des IW Reports und betrifft die Industrie direkt. Viele Stellen für Mechatroniker (4.045) und Elektroniker für Betriebstechnik (3.202) meldeten 2024 nicht die Werke selbst, sondern Gesellschaften, die als Unternehmensverwaltung oder Personaldienstleister eingeordnet sind. Das IW schreibt, dass der Bedarf der eigentlichen Branchen dadurch tendenziell unterschätzt wird. Die Rangliste zeigt die Industrie also eher zu klein.
Für die Chemie und die Energie gibt es keine eigene Zeile unter den ersten zehn. Das IW nennt Chemikanten aber als Beispiel für einen Kernberuf, an dem die Produktion einer ganzen Branche hängt: fehlen sie, steht die Anlage. In der Energie läuft der Mangel über die Elektroberufe; wo es dort knapp wird, steht unter Fachkräftemangel in der Energiewirtschaft. Kunststoff und Lebensmittel tauchen in den Ranglisten nicht auf, suchen aber dieselben Maschinen- und Anlagenführer, Mechatroniker und Elektroniker wie der Rest der Industrie.
Handwerk, Bau und Logistik
Das Ausbaugewerbe hat die zweitgrößte Lücke aller Branchen. Drei Berufe tragen dort mehr als die Hälfte: Bauelektrik mit 10.496 fehlenden Fachkräften, Sanitär, Heizung und Klima mit 8.648, Dachdeckerei mit 2.758. In der BA Analyse für 2025 kommt die Bauelektrik auf 2,7 Punkte, so viel wie die Pflegeberufe. Wie Handwerksbetriebe damit umgehen, steht im Ratgeber Fachkräftemangel im Handwerk.
In der Logistik ist der Engpass ein Beruf: Berufskraftfahrer im Güterverkehr kommen bei der BA auf 2,5 Punkte, ebenso die Berufe in der Kraftfahrzeugtechnik.
Wie Fachkräftemangel gemessen wird
Die zwei Quellen messen Verschiedenes. Die BA fragt, ob ein Beruf knapp ist. Sie bewertet 1.236 Berufsgattungen mit sechs Indikatoren: Vakanzzeit, Verhältnis von Arbeitsuchenden zu Stellen, berufsspezifische Arbeitslosenquote, Abgangsrate aus Arbeitslosigkeit, Entwicklung der mittleren Entgelte und Veränderung des Anteils ausländischer Beschäftigter. Ab 2,0 Punkten gilt ein Beruf als Engpassberuf, zwischen 1,5 und 2,0 steht er unter Beobachtung. Für 2025 sind 157 Berufe knapp, 13 Prozent aller bewerteten, weitere 161 stehen unter Beobachtung, bei 201 gibt es keine Anzeichen.
Das IW fragt, wie viele Fachkräfte fehlen. Grundlage sind Sonderauswertungen der BA und die IAB Stellenerhebung, gerechnet für knapp 1.300 Berufe und seit 2025 auch nach Branchen. Wer wissen will, wo es knapp ist, liest die BA. Wer wissen will, wie groß die Lücke ist, liest das IW.
Mangel trotz Arbeitslosigkeit
Die BA schreibt für 2025 ausdrücklich, dass es keine Belege für einen allgemeinen Arbeitskräftemangel gibt. In etlichen Berufen gibt es deutlich mehr Arbeitsuchende als Stellen. Der Mangel sitzt in bestimmten Berufen, und dort passt das Angebot nicht zur Nachfrage: 49 Prozent der gemeldeten Stellen für Fachkräfte betrafen Engpassberufe, aber nur 20 Prozent der arbeitslosen Fachkräfte suchten in einem solchen Beruf.
Das KOFA kommt für März 2026 auf rund 357.000 rechnerisch nicht besetzbare Stellen, obwohl es mehr qualifizierte Arbeitslose und weniger offene Stellen gab als im Vorjahr. Für einen Werksleiter heißt das: Die Leute, die er braucht, stehen nicht bei der Arbeitsagentur. Sie haben einen Arbeitsplatz.
Warum es in diesen Branchen eng bleibt
Vier Gründe wirken zusammen. Erstens die Demografie: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, und aus jedem Jahrgang kommen weniger nach. Zweitens die Ausbildungsdauer: Das IW weist darauf hin, dass Engpässe umso länger halten, je länger die Qualifizierung dauert. Einen Industriemechaniker oder Elektroniker für Betriebstechnik bildet niemand in sechs Monaten aus. Drittens die Region: Offene Stellen und Arbeitsuchende liegen oft nicht in derselben Gegend, und Schichtarbeit schränkt ein, wer pendeln kann. Viertens die Konkurrenz zwischen den Branchen: Ein Elektroniker kann im Werk, beim Energieversorger, beim Anlagenbauer oder im Elektrohandwerk arbeiten. Alle greifen auf dieselben Leute zu.
Wo die Lücke wächst und wo sie schrumpft
Die Zahl der Engpassberufe sinkt seit drei Jahren: 183 im Jahr 2023, 163 im Jahr 2024, 157 im Jahr 2025. Für 2025 fand die BA unter anderem in der spanenden Metallbearbeitung, bei technischen Servicekräften auf Fachkraftebene und bei Speditionskaufleuten keinen Engpass mehr. Das KOFA sieht im März 2026 dagegen gerade in der spanenden Metallbearbeitung wieder einen Zuwachs. Das ist kein Widerspruch: Die BA beschreibt ein Jahr schwacher Konjunktur, das KOFA einen Monat, in dem die ersten Aufträge aus den Investitionsprogrammen ankommen. Die Entspannung war ein Zeitfenster, keine Entwarnung.
Was die Branchenstatistik für Ihre Stelle heißt
Eine Rangliste sagt, wie schwer es im Bundesdurchschnitt ist. Ihre Stelle wird im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um Ihr Werk entschieden. Dort gibt es den Mechatroniker, den Sie suchen, fast immer: Er arbeitet nur bei einem anderen Betrieb, liest keine Stellenbörse und wechselt, wenn ihm ein konkretes Angebot begegnet, das besser passt als sein jetziges.
Daraus folgen drei Dinge. Die Anzeige muss dort laufen, wo diese Leute ohnehin sind, und so klingen, als hätte sie jemand aus der Halle geschrieben; wie das aussieht, steht unter Stellenanzeige schreiben. Die Bewerbung muss in zwei Minuten am Handy gehen, mit einem Kurzformular statt Lebenslauf. Und jede Rückmeldung wird am selben Tag ein Telefonat, bevor der Bewerber beim nächsten Betrieb zusagt. Welche Wege es sonst gibt und was sie leisten, vergleicht der Ratgeber Recruiting Methoden. Auf der 977 Werkbank ist genau das der Ablauf, von der Stelle über die Recruiting Kampagne bis zur Vorqualifizierung am Telefon.
Daneben bleiben die langen Hebel: selbst ausbilden, Quereinsteiger anlernen, Fachkräfte aus dem Ausland einstellen, Leute weiterbilden und die halten, die man hat. Sie wirken, aber in Jahren, nicht in Wochen.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Chemiebetrieb in Süddeutschland mit 80 Beschäftigten. Gesucht waren Servicetechniker für Heizung und Klima, Chemikanten, Chemiemeister und Laborfachkräfte, nach Jahren mit Zeitung, Portalen und Mitarbeiterwerbung. Der erste Servicetechniker hatte nach zwei Monaten unterschrieben, nach 18 Monaten standen 22 Einstellungen, quer durch den Betrieb. Der Fall steht unter Chemie, Süddeutschland.
Was der Markt dazu zeigt
In der Messung vom 24.09.2026 stehen zum Begriff "fachkräftemangel branchen" 70 Suchen im Monat und eine Schwierigkeit von 34. Auf der ersten Ergebnisseite finden sich Institute, ein Statistikportal, die Arbeitsagentur, eine Gewerkschaft, eine Beratung und Nachrichten. Sie erklären Zahlen, Ursachen und politische Wege: Zuwanderung, Weiterbildung, bessere Arbeitsbedingungen. Keine sagt, dass die Industrie in der Statistik eher zu klein erscheint, und keine übersetzt die Rangliste in das, was ein einzelner Betrieb nächste Woche tun kann. Beides steht hier.